Wohlpräpariert
Lange her seit dem letzten Eintrag. Hat mein Kopf genug sonst zu tun? Oder ist er mit dem Durcheinander, das die Welt überzieht, zu überfordert, um sich noch eine Reim darauf zu machen? Ich will mich nicht an die Kriege gewöhnen, die bereits seit Jahren wüten (zB Ukraine, nun 4 Jahre). Für neue finde ich kaum Platz (Iran, nun 1 Woche). Die Durcheinanderbringer (gr. diabolos, von diaballo - durcheinander werfen) werfen mehr durcheinander als meine Prozessor verarbeiten kann. Ohnmacht, Müdigkeit und Frustration setzen nicht klare Gedanken frei. Sie rauben Atem und Sprache. Die Einsichten müssen sich mit kleineren Welten begnügen. Lebt die Hoffnung noch, dass sich die Rauchschwaden über der grossen Welt mal (einigermassen) verziehen?
Ich weiss nicht, ob es das Geschäft im Obergeschoss in der Rue du Bac in Paris noch gibt. Der Bericht darüber stammt noch aus den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts. Der Laden ist auf das Präparien von Tieren spezialisiert. Der Autor berichtet, wie er ihn mit seinem kleinen Sohn regelmässig besucht. Eine Art naturhistorisches Museum abzüglich Museum. Schon unten beim Eingang wird man von einem ausgestopften Elch begrüsst und einigen Gläsern mit kleinen Schlangen in Formaldehyd. Oben wird man dann von einem ganzen Bestiarium begrüsst. Alle Tiere ,stehen gelangweilt und gesellig da wie Autoren in einer New Yorker Buchparty'. Löwen, ein Elephantenbaby, ein Jaguar, ein Gorilla stehen sie einfach da, ganz ohne Jagd und Hunger und Angst und Lust. Reanimiert ohne die Anima (Seele). Daneben Skelette und Schädel und aufgespiesste Schmetterlinge und Käfer. Von einer Galerie schauen Nutztiere herunter. Ziegen und Schafe bewundern die Stars ihrer Welt von oben wie Zuschauer in einem Theater. Am verrücktesten aber sei, dass unter den Wildieren viele Haustiere zu finden seien, Schosshunde und Katzen. Da stünden unter Löwen und Jaguar etwas verstohlen und verloren siamesische Katzen und Cocker Spaniels und Terriers. Mme Orlova, die Geschäftsführerin, erklärt, diese stammten noch von ihren Vorgänger. Offenbar seien Jahr um Jahr Frauen und Männer mit ihren verstorbenen Katzen und Hunden gekommen, die weinend die kalten Körper ihrer toten Lieblinge ans sich drückten und darum baten, ihnen wieder Gestalt und ,Leben' zu geben. Diese hätten sie dann in aufwändiger Arbeit präpariert und unsterblich gemacht. Doch wenn sie dich dann nach zwei oder drei Monaten bei den Aftraggebern meldeten, hätten diese sich oft bereits mit einem neuen (sterblichen) Schosstier getröstet und keine Interesse mehr an Fido oder Mionchette gehabt. Sie hätten weder auf Abholzettel noch auf Anrufe reagiert. Auch nicht auf Appelle ans Gewissen. So seien aus vermeintlich unersetzlichen Lieblingen langsam Staub ansetzende Ladenhüter geworden. Vielleicht waren sie nie mehr als ,Kurtisanen der Zuneigung, die für Futter Gefühle vortäuschten'.
Die Geschichte lässt mich amüsiert und traurig zurück. Die Unberechenbarkeit der Trauer ist stets für eine Überraschung gut. Herzlos, wer im Moment des Schmerzes sagt, ,das Leben geht weiter', weil in diesem Moment das Leben keine Zeitachse kennt, nur diesen brennenden Punkt. Doch das Leben wusste schon immer mehr, zum Gück.
Verluste gehören zum Leben, sagt man. Man kann sich kaum vorstellen, dass es noch weitergeht. Das Wort 'Trauma' ist gegenwärtig rasch zu Stelle. Wer bewusst lebt, setzt sich damit auseinander. Rückblickend jedoch hoffe ich, dass die meisten Menschen ihr Leben nicht als eine Folge von Traumata erzählen, sondern als eine Folge von Glück oder Segen. Ich bin froh, dass sich das weitgehend mit mieiner Erfahrung deckt.
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