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zu gut

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,Entschuldigung', sagt die junge Frau an der Theke der Bäckerei, als sie mir den Cappucino reicht, ,ich habe es wieder mal zu gut gemeint!'  Sie reicht mir den Becher in Zeitlupe, darauf bedacht, dass der Milchschaum nicht überläuft.  ,Kein Problem,' sage ich, als ich den Becher langsam mit der Konzentration eines Mikadospielers entgegen nehme. Ich bin schon auf dem Weg zur Tür, als ich noch anhänge: ,Zu gut meinen kann nie ein Problem sein.' Doch ich weiss nicht, ob sie das noch mitkriegt. Mir aber geht der Gedanke nach, dass man sich dafür entschuldigen kann, es zu gut zu meinen. Die Frühlingssonne, die mich vor der Bäckerei erwartet, müsste das irgendwie auch tun. Und ich träume einen Moment von einer Welt, in der Menschen es so gut miteinander meinen, dass sie sich nur noch dafür entschuldigen müssen. Das wär ein Frühling. Philipp Roth      philipp.roth@kgbb.ch  

Bauernkrieg

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Der Bauernkrieg vor genau 500 Jahren nahm am Rhein seinen Anfang. Und zog von da nur für einen Sommer nach Norden über die deutschen Lande. In diesen rund 3 Monaten starben nach Schätzungen rund 70'000 - 100'000 Menschen, zuallermeist einfache Leute. Am Ende war es mehr Rachefeldzug als Kampf auf Augenhöhe. Die Herren zeigten den Untertanen den Meister - den ,Meister aus Deutschland' (Paul Celan). Waldshut wurde zu einem der ersten Zentren des Bauernaufstands. Im kleinen Städchen am Rhein befeuerte Balthasar Hubmeier die Bauernhaufen mit einem evangelischen Feuer, das Luthers 'Freiheit eines Christenmenschen' politischer nahm, als dem auf Fürstenschutz angewiesenen Augustinermönch lieb war. Die Nähe Zürichs liess Funken aus der dortigen Reformation überspringen. Man weigerte sich, den Zehnten und Zölle zu zahlen und Frondienst zu leisten. Bilder wurden gestürmt. Viele liessen sich zum Zeichen einer echten Umkehr nochmals taufen. Die Unterscheidungen, die spätere Ges...

Sacred Place

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Der Streit zwischen Präsident Trump, Vize Vance und dem ukrainischen Präsidenten Selenski im Oval Office bestimmt die Nachrichten. Während normalerweise die Presse nur zur Begrüssung zugelassen ist und das Verhandeln hinter verschlossenen Türen stattfindet, sollte es diesmal ,The Art of the Deal' vor laufenden Kameras geben. Der als Showmaster bekannt gewordene Präsident versprach sich ,Great TV'.  ,Great' im Sinn von Einschaltquoten war die Szene gewiss. Auch im Sinn von Spektakel und Nachhaltigkeit: Man wird noch lange davon reden.  In jedem anderen Sinn jedoch war es ein weiterer Tiefpunkt dieser Administration. Wenn es in einer Demokratie Tempel gibt, hat Team MAGA nun bereits den zweiten heiligen Ort der USA entweiht: Nach dem Kapitol am 6.1.2021 nun auch das Oval Office. Da hilft alles Beschwören des Sacred Places und die Empörung über den fehlenden Anzug und die ungenügende Dankbarkeit beim Gast nichts: Heiligkeit hängt nicht an Äusserlichkeiten wie Textilien und Flo...

Lob und Widerstand

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Die Bilder kommen einem vertraut vor*. Nur sind sie heute in Farbe. Die Grossmächte teilen sich die Welt auf. Die Machtzyniker - alles Männer - sitzen am Tisch, drücken die Brust raus und setzen ihr Pokerface auf - und gehen dann unter verschlossenen Türen ans Eingemachte anderer Länder. Damals Polen. Heute Ukraine. Oder noch mehr? Eine aktuelle Umfrage zeigt, dass die Zunkunftssorgen gross sind, je jünger desto grösser. Gleichzeitig ist jedoch auch die Lebenszufriedenheit gross. Über 90% sind mit dem gegenwärtigenm Leben zufrieden bis sehr zufrieden. (Auch hier sind die Werte bei den Jüngeren etwas tiefer). Die Experten rätseln, wie die beiden Werte zusammenpassen. Schuld frisst die Vergangenheit auf. Sorgen die Zukunft. Also igelt man sich in der Gegenwart ein und geniesst noch was und solange man hat. Wer ohnehin nicht mehr viel Zukunft hat, da alt, kann die Sorgen besser von sich weisen - was in einer alternden Gesellschaft auch manch demokratische Entscheidung erklärt. Als im Jah...

Menschenwärme

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Januar 1982. Hugh Herr und Jeff Batzer, noch keine zwanzig Jahre alt, sind leidenschaftliche Kletterer. Sie gehen in die White Mountains von New Hampshire zum Eisklettern. Nach der Huntington Schlucht wollen sie zum Dessert auch noch den Mt.Washington, mit 1917 m der höchste Berg der Gegend, besteigen. Sie passieren die Eisschlucht und sind bereits auf dem Weg zum Berg, als Winde von 150 km/h ein Weiterkommen verunmöglichen. Der Sturm macht sie fast blind und die Verständigung unmöglich. Sie kehren um und verlieren den Weg. Mehrmals brechen sie durchs Eis ins eiskalte Wasser durch. In einem Seitental verbringen sie drei Nächte in extremer Kälte. Sie rechnen damit, bereits die erste nicht zu überleben. Doch sie rechnen nicht mit dem Glück, nicht allein zu sein. ,Man kann einander umarmen,' sagt Hugh Herr. ,Als Doppelkörper reduzierst du die frierende Oberfläche dramatisch, verdoppelst aber gleichzeitig die Quelle, wo die Wärme her kommt.'  Am vierten Tag taucht eine ...

Gutmensch

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Herzerwärmend: Petrarca starb 1374. Die Leidenschaft für Bücher und die Sorge um Florenz und seine Menschen hatte sie wie Brüder werden lassen. In seinem Testament hinterliess Petrarca Bocaccio 'fünfzig Florentinische Goldgulden für einen Wintermantel, den er tragen kann, während er in den Nachtstunden studiert und arbeitet.' Fast nostalgisch erinnert man sich an die Zeit, in der das Wort 'Gutmensch' noch das politische Modeschimpfwort war. Gegenüber den schönträumenden und menschenumarmenden Netten wurde der pragmatische Macher (selten Macherin..) in Stellung gebracht. Lieber der Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach. Lieber ,etwas' Gutes erreicht als ,das Gute' gewollt. Es hatte etwas von Zwinglis 'Tut um Gottes Willen etwas Tapferes' - wobei man verschämt kaschierte, dass es sich bereits bei Zwingli um einen Ruf zu Krieg und Gewalt handelte. Nun ist der Schleier weg und die Bühne gehört den 'Bösmenschen'. Die herkömmlichen Umgangsformen...

gerade sehen

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Die Geschichte geht mir nach. Eine Gemeinschaft schafft sich ein Versammlungshaus. Und das Versammlungshaus schafft die Gemeinschaft. Wer bin ich unter den anderen? Was teile ich? Was trennt mich? (gr. synagoge bedeutet einfach Versammlungsort) Man versammelt sich. Es ist Sabbat. Im Hintergrund eine Frau, seit Jahren gekrümmt. Vielleicht wär sie heute im Rollstuhl. Vom eigenen Gewicht entlastet, könnte sie geraden Hauptes dabei sein und frei sehen. Wer aber ist sie in dieser Gemeinschaft? Wie wird sie gsehen - und wie hat sie sich in der langen Zeit in diesem Umfald selbst sehen gelernt? Als die Gekrümmte? Die Schiefe? Das Kollektiv schärft die Differenz und neigt dazu, die Differenz zur Etikette zu machen (die Rothaarige, der Schweigsame, die Katzenfrau, der Schwule) - oft so lange (18 Jahre), bis die Differenz zum Wesenmerkmal der Person geworden ist, obwohl es nur was Äusserliches oder Nebensächliches ist. Jesus holt sie in die Mitti und sagt, er möchte ihre Fesseln lösen. Er berühr...