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die Tür

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Zeit der offenen Tür. Im Sommer steht die Welt buchstäblich offener. Ringsum wird mit dem Ferienbeginn in einer Woche zum Sprung in die weite Welt angesetzt. Freundinnen und Freunde berichten von ihren Plänen. Gültige Papiere und Easyjet öffnen Türe ins Weite. Die Leichtigkeit unseres Ausfliegens steht dabei in keinem Verhätnis zur Schwierigkeit des Einreisens von anderswo (letzer Blog) . Heute, wenn wir zuhause sind, steht unsere Tür in den Garten den ganzen Tag offen. Wir gehen barfuss rein und raus. Manchmal finden selbst Schnecken und Eidechsen ins Wohnzimmer. Mücken sowieso. Ich trage immer noch die Verse aus dem Römerbrief (5, 1-5; letzer Blog) in mir. Darin verborgen das Bild des Zugangs zum Raum der Charis (,Gnade'), der für Paulus mit Christus sperrangelweit offen steht (V.2) . Das griechische Wort, das Paulus dort für den Zugang braucht ( προσαγωγὴ ) , ist dasselbe, das in den Schriften des Alten Testaments für die Tür ins innere Heiligtum des Tempels verwendet wird. Nur...

paralysed with hope?

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Mittwoch.  Ich habe noch die Frühnachrichten im Kopf, die vom Untergang eines Flüchtlingsbootes mit hunderten Menschen vor der Küste Griechenlands berichteten, als mir in der Stadt vom aus Fahrrad das Plakat der New Yorker Künstlerin Roni Horn in die Augen fiel mit dem verwaschenen Schriftzug: I am paralysed with hope - Ich bin gelähmt vor Hoffnung.  Eine Drohnenaufnahme über dem Mittelmeer zeigt ein mehrstöckiges Schiff, das bis zum Oberdeck schwarz von Menschen ist, die, so hat man den Eindruck, nicht mal genug Platz zum Sitzen haben. Unweigerlich kommen mir die Erfahrungsberichte von Shoah-Überlebenden aus dem Innern der Waggons der Transporte in den Osten  in den Sinn. Für die Notdurft hatte es einen Eimer in der Ecke. Zu Essen und Trinken gab es wenig bis nichts. Sie hatten keine Wahl.  Im Unterschied dazu hatten die Flüchtlinge eine kleine, wenn auch verzweifelte, Wahl. Irgendwann hatten sie sich für diesen Weg entschieden, gezwungen von Umständen, Krieg, Hunge...

nachhaltig verzückt

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Ich musste laut lachen, als ich vergangene Woche in meinem Buch auf folgenden Satz stiess: ,Manche Menschen sehen nicht aus,  als ob sie im Liebesakt entstanden seien ; a ndere gehen immer so verzückt durch die Welt, als hätten sie seine Freude nie hinter sich gelassen.‘ (Roger Willemsen, Momentum, S. 67)   Ich versuchte mich selbst in dieser Skala zwischen verzückt und verzagt einzuordnen. In der Woche vor Pfingsten kein falsches Unterfangen. Pfingsten wird oft ,den Geburtstag der Kirche' genannt wird. Die Flämmchen über den Häuptern machen die Geistberührten zu kleinen Geburtstagslichtern.  Doch der Satz liess den Gedanken aufkommen, dass Liebesakt viellicht noch das passendere Bild für Pfingsten wäre. Mehr Verzückung als an diesem Tag war jedenfalls nie. Betrunken vor Glück standen die Menschen am Beginn eines neuen Lebens. Komplett aus dem Häuschen. Ganz neben den Schuhen - in den Schuhen eines ganz anderen.   Wo käme man hin in diesen Schuhen? Wie haben s...

Auffahrt

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  Ich bleibe an einem Cartoon in einer Zeitschrift hängen. Welchen Titel würde ich ihm geben? Als Kirchenmensch lassen mich Schafe und Hirte (Pastor) unweigerlich an mein eigenes Umfeld denken. Die Rolltreppe öffnet kurz nach Auffahrt auch diese Assoziation. Ich versuche mich an Titeln: - Kirchenbeitrittskampagne - Missionsauftrag - im Shoppingcenter der Religionen - Alpaufzug urban style - Hirt und Hund (Zuckerbrot und Peitsche?) - ... Der Hund irritiert mich. Den Schafen würde ich gern wenigstens die Haare individuell frisieren und sie bunt anmalen. Dem unentschlossenen Schaf möchte ich eine Sprechblase geben: Was geht in ihm vor? Was ist oben an der Rolltreppe zu finden? (aus: The New Yorker, Feb 13/20, 2023, p.31; Seth Fleishman) Philipp Roth philipp.roth@kgbb.ch philipp.roth@erk-bs.ch    

die eigene Stimme

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Ich vergass ihn zu fragen, woran er sie denn erkenne. Ich war noch zu sehr mit dem beschäftigt, was er gerade gesagt hatte. ,Das Einzige, was mich in diesem Moment interessiert, ist, ob ich darin ihre oder seine eigene Stimme höre,' hatte er gesagt. Die Uraufführung fand in einem Raum im Untergeschoss eines alten Industriegebäudes statt. Es wurden vier neue Stücken von zwei verschiedenen Komponisten geboten. Die Musikerin und der Musiker waren virtuos. Die Stücke Überraschungstüten mit süsssauren Schlangen und Knallfröschen. Ich vermutete mich in einer Neuen Musik-Community und tanzte auf der Neugier-Befremden-Linie des Zaungasts. Meine Ohren sind im Bereich Neue Musik noch wenig trainiert. Mein Kopf ist im Bereich Gwunder gut trainiert. Beim Apéro dann die Frage, was denn ein gutes Stück ausmache. Es wurden Kohärenz, Überraschung, Melodik, innere Struktur genannt. Ich warf ein, dass Effekte allein bestimmt noch keine gute Musik machten. Sie müsse gefüllt und getragen werden. Das G...

Gebrauchsanweisung nachösterlich

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Es geht mir in diesem Jahr näher. Vielleicht, weil ich an all diesen Sonntagen irgendwo Gottesdienst halte und näher dran bin. Vielleicht auch, weil mich die allgemeine Weltsorge besonders empfänglich dafür macht. Das Kirchenjahr setzt in die 50 Tage zwischen Ostern und Pfingsten drei Sonntage mit Ausrufezeichen. Jubilate! Kantate! Und morgen: Rogate! Dreimal Imperativform im Plural. Jubelt! Singt! Betet!  ,Das lässt sich doch nicht befehlen,' sagt der Stimmungsmensch in mir. ,Du weisst aber, dass man auch in Stimmung kommen kann,' entgegnet der Haltungsmensch in mir. Ich weiss inzwischen ein paar Dinge, die mir gut tun, und setze mich bewusst ihnen aus. Ausfliegen. Musik spielen. Freunde einladen. Brot backen. Manchmal entscheide ich mich gegen meine Stimmung bewusst dafür - und finde sie dann erst. So kommen mir die drei Sonntage in diesem Jahr entgegen. Und ich lasse mich gerne darauf ein. Ich sammle meine Gründe zum Jubeln und werde fröhlich. Ich entdecke, wie das Singen da...

Gemüsesuppe

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Hatices Sohn ist vor einem Vierteljahrhundert spurlos verschwunden. Die Kurdin vermutet den türkischen Geheimdienst dahinter. Das etwas unscharfe Bild des Sohnes vergilbt still an der Wand. Im Traum kommt es immer noch vor, dass er plötzlich vor der Tür steht. Sie weiss jedoch, es ist nicht anzunehmen, dass er noch lebt.  Am Tag, als er verschwand, kochte die Mutter draussen auf dem Feuer eine käftige Gemüsesuppe. Sie assen sie gemeinsam. Niemand ahnte, was kommt. Seither lässt die Erinnerung Hatice nicht mehr los. Und sie möchte die Erinnerung an den Sohn auch nicht mehr loslassen. Deshalb kocht sie nun jeden Freitag, den Ruhetag im Islam, diese Suppe und verteilt sie an das ganze Dorf. Der Geschmack ihres Sohnes soll bleiben. Und er gehört allen. Diese Episode erzählt der Film 'Im toten Winkel' der deutsch-kurdischen Regisseurin Ayşe Polat, der in diesem Jahr in der Berlinale Premiere feierte. Erinnerung geht durch den Magen. Und stiftet Gemeinschaft.  Ich werde am Samstag w...