Posts

ewig wogendes wasser

Bild
Auf der Website der Zeitung die Bilder der Woche. Darunter der Kirchturm eines in einem Stausee versunkenen Dorfes im Norden Italiens. Ein Schuhnagel im Blau. Er erinnert an das Untergegangene und verankert es im Himmel. Er zieht das Oben nach unten. Das ewige Blau spiegelt sich im See. Anschmiegsames Wasser. Selbst dann noch tröstlich, wenn es überschwemmt. Die Sommerferienhitze treibt die Menschen ans Wasser. Sie stürzen sich hinein und lassen sich überschwemmen. Tägliche Tauferinnerung ohne es zu merken. Der Adam (,Mensch') als Mose (,aus dem Wasser gezogen'; Exodus 2, 10). - Ich führe meinen Zettelkasten nach. Darunter ein Gedicht der Afroamerikanerin Lucille Clifton. Die Begegnung mit dem Wasser wird zur Begegnung mit sich selbst. Und zu einem Segen nicht nur für die Sommerferien, sondern das Unterwegssein über den Lebensozean. die boote segnen möge die flut die gerade jetzt steigt der rand unseres verstehens dich hinaustragen über das angesicht der angst mögest du küssen...

Emahoy

Bild
Kopfferien. Das Eintauchen in eine andere Welt, ohne dafür einen Koffer packen zu müssen.  Vom grobkörnigen Schwarzweissbild oben an der Seite schaut mich eine junge Frau mit Kopftuch an. Emahoy Tsegué-Maryam Guèbrou starb am 26. März in Jerusalem, neunundneunzig Jahre alt. Sie stammte aus Äthiopien und war Pianistin und Ordensfrau.  Ich höre ihren Namen zum ersten Mal. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, in Äthiopien nach Pianistinnen zu suchen. Geschweige denn in einem äthiopischen Kloster. Ich lese, dass es in den 1960/1970er Jahren in Addis Abeba eine Musikszene gab, die Äthiopien ein ,Goldenes Zeitalter der Popmusik' bescherte. Traditionelle äthiopische Musik, Jazz aus den USA, afrikanischer Soul und Funk und klassische westliche Musik verwandelten die Hauptstadt in ein ,Swinging Addis'. Ich suche Emahoy auf YouTube und höre eine innige musikalische Sprache, die Satie, Monk und Mozart in sich aufgenommen und was ganz Eigenes daraus gemacht hat.  Emahoy wurde im Dezem...

die Tür

Bild
Zeit der offenen Tür. Im Sommer steht die Welt buchstäblich offener. Ringsum wird mit dem Ferienbeginn in einer Woche zum Sprung in die weite Welt angesetzt. Freundinnen und Freunde berichten von ihren Plänen. Gültige Papiere und Easyjet öffnen Türe ins Weite. Die Leichtigkeit unseres Ausfliegens steht dabei in keinem Verhätnis zur Schwierigkeit des Einreisens von anderswo (letzer Blog) . Heute, wenn wir zuhause sind, steht unsere Tür in den Garten den ganzen Tag offen. Wir gehen barfuss rein und raus. Manchmal finden selbst Schnecken und Eidechsen ins Wohnzimmer. Mücken sowieso. Ich trage immer noch die Verse aus dem Römerbrief (5, 1-5; letzer Blog) in mir. Darin verborgen das Bild des Zugangs zum Raum der Charis (,Gnade'), der für Paulus mit Christus sperrangelweit offen steht (V.2) . Das griechische Wort, das Paulus dort für den Zugang braucht ( προσαγωγὴ ) , ist dasselbe, das in den Schriften des Alten Testaments für die Tür ins innere Heiligtum des Tempels verwendet wird. Nur...

paralysed with hope?

Bild
Mittwoch.  Ich habe noch die Frühnachrichten im Kopf, die vom Untergang eines Flüchtlingsbootes mit hunderten Menschen vor der Küste Griechenlands berichteten, als mir in der Stadt vom aus Fahrrad das Plakat der New Yorker Künstlerin Roni Horn in die Augen fiel mit dem verwaschenen Schriftzug: I am paralysed with hope - Ich bin gelähmt vor Hoffnung.  Eine Drohnenaufnahme über dem Mittelmeer zeigt ein mehrstöckiges Schiff, das bis zum Oberdeck schwarz von Menschen ist, die, so hat man den Eindruck, nicht mal genug Platz zum Sitzen haben. Unweigerlich kommen mir die Erfahrungsberichte von Shoah-Überlebenden aus dem Innern der Waggons der Transporte in den Osten  in den Sinn. Für die Notdurft hatte es einen Eimer in der Ecke. Zu Essen und Trinken gab es wenig bis nichts. Sie hatten keine Wahl.  Im Unterschied dazu hatten die Flüchtlinge eine kleine, wenn auch verzweifelte, Wahl. Irgendwann hatten sie sich für diesen Weg entschieden, gezwungen von Umständen, Krieg, Hunge...

nachhaltig verzückt

Bild
Ich musste laut lachen, als ich vergangene Woche in meinem Buch auf folgenden Satz stiess: ,Manche Menschen sehen nicht aus,  als ob sie im Liebesakt entstanden seien ; a ndere gehen immer so verzückt durch die Welt, als hätten sie seine Freude nie hinter sich gelassen.‘ (Roger Willemsen, Momentum, S. 67)   Ich versuchte mich selbst in dieser Skala zwischen verzückt und verzagt einzuordnen. In der Woche vor Pfingsten kein falsches Unterfangen. Pfingsten wird oft ,den Geburtstag der Kirche' genannt wird. Die Flämmchen über den Häuptern machen die Geistberührten zu kleinen Geburtstagslichtern.  Doch der Satz liess den Gedanken aufkommen, dass Liebesakt viellicht noch das passendere Bild für Pfingsten wäre. Mehr Verzückung als an diesem Tag war jedenfalls nie. Betrunken vor Glück standen die Menschen am Beginn eines neuen Lebens. Komplett aus dem Häuschen. Ganz neben den Schuhen - in den Schuhen eines ganz anderen.   Wo käme man hin in diesen Schuhen? Wie haben s...

Auffahrt

Bild
  Ich bleibe an einem Cartoon in einer Zeitschrift hängen. Welchen Titel würde ich ihm geben? Als Kirchenmensch lassen mich Schafe und Hirte (Pastor) unweigerlich an mein eigenes Umfeld denken. Die Rolltreppe öffnet kurz nach Auffahrt auch diese Assoziation. Ich versuche mich an Titeln: - Kirchenbeitrittskampagne - Missionsauftrag - im Shoppingcenter der Religionen - Alpaufzug urban style - Hirt und Hund (Zuckerbrot und Peitsche?) - ... Der Hund irritiert mich. Den Schafen würde ich gern wenigstens die Haare individuell frisieren und sie bunt anmalen. Dem unentschlossenen Schaf möchte ich eine Sprechblase geben: Was geht in ihm vor? Was ist oben an der Rolltreppe zu finden? (aus: The New Yorker, Feb 13/20, 2023, p.31; Seth Fleishman) Philipp Roth philipp.roth@kgbb.ch philipp.roth@erk-bs.ch    

die eigene Stimme

Bild
Ich vergass ihn zu fragen, woran er sie denn erkenne. Ich war noch zu sehr mit dem beschäftigt, was er gerade gesagt hatte. ,Das Einzige, was mich in diesem Moment interessiert, ist, ob ich darin ihre oder seine eigene Stimme höre,' hatte er gesagt. Die Uraufführung fand in einem Raum im Untergeschoss eines alten Industriegebäudes statt. Es wurden vier neue Stücken von zwei verschiedenen Komponisten geboten. Die Musikerin und der Musiker waren virtuos. Die Stücke Überraschungstüten mit süsssauren Schlangen und Knallfröschen. Ich vermutete mich in einer Neuen Musik-Community und tanzte auf der Neugier-Befremden-Linie des Zaungasts. Meine Ohren sind im Bereich Neue Musik noch wenig trainiert. Mein Kopf ist im Bereich Gwunder gut trainiert. Beim Apéro dann die Frage, was denn ein gutes Stück ausmache. Es wurden Kohärenz, Überraschung, Melodik, innere Struktur genannt. Ich warf ein, dass Effekte allein bestimmt noch keine gute Musik machten. Sie müsse gefüllt und getragen werden. Das G...