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Abschaffung des Glaubens

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Wer Wind sät, wird Sturm ernten. Hosea 8, 7 Die Stille nach dem Sturm. Man hört nur noch die Regungen im eigenen Innern. Die Barbarei raubt die Sprache. Vor 9 Tagen haben Hamas - Kämpfer in israelischen Dörfern rund um den Gazastreifen ein Massaker angerichtet und die Städte mit einem Raketenhagel überzogen. Nun stehen iraelische Panzer an der Grenze zu Gaza, zum Äussersten entschlossen.  Hunderttausende flüchten im Gazakäfig in den Süden. Jeder Tag, der noch verstreicht, ist ein guter Tag. Gibt Menschen eine Chance. Und Überlegungen ausserhalb von Rache und Hass. Wenn zum Menschsein die Sprache gehört, so muss diese nun zuerst wieder gefunden werden. Die Politik hat die Sprache gleich gefunden. Sie spricht von Tieren. So müsse man sie nun auch 'eliminieren'. ,Tiere würden sowas nie tun,' hält jemand am Telefon dagegen. Einverstanden. Lassen wir die Tiere aus dem Spiel. Der Mensch ist seine eigene Bestie. Auch der Unmensch ist ein Mensch. Vielleicht beginnt eine Barbarei d...

Kalenderzettel

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Seit einigen Jahren flattert die Aufgabe im Herbst auf den Tisch: Einen Zettel für einen verbreiteten reformierten Andachtskalender schreiben. Man ist jeweils bereits am übernächsten Jahr. Und das Regime ist streng: Datum und zugehörige Bibelstelle sind vorgegeben. Die Zeichenzahl ist strikt begrenzt: 900 vorne, 1100 hinten. Eine gute Übung für Vikarinnen und Jungtheologen. Und für mich. Auf den Punkt kommen. Maximal reduzieren. Sprache entrümpeln. Und auch zu einer Stelle was sagen, die man nicht selbst ausgesucht hat. Ich setze mich daran. Für den 27.Oktober 2025 soll ich was über Levitikus 8, 1-36 schreiben. Das Volk Gottes in der Wüste. Mose setzt seinen Bruder Aaron und dessen Söhne als Priester ein. Damit erhält die Begegnung mit Gott eine neue Struktur, getrennt von Mose. Aaron und Söhne kriegen den Auftrag, künftig die Volksseele vor Gott ins Gleichgewicht zu bringen. Im Zelt der Begegnung (Stiftshütte) fliesst viel Tierblut -  Gott zum Dank und Gott zur Bitte. Es ist die B...

Einander tragen

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Sie sehen zuerst und von nahe aus wie Liebende, sie sich nach langer Trennung in die Arme fallen. Die Gesichter an der Schulter vergraben, die Augen geschlossen, halten sie sich tief umschlungen. Zwei Körper so nahe, als wollten sie sich einverleiben. Ringsum sitzen Menschen im Kreis. Dann, als das Bild zurückfährt, sieht man, dass nur die eine Person die andere auf diese Weise fasst. Die Arme der anderen hängen schlaff herunter. Sie liegt mit dem ganzen Gewicht auf ihrer Trägerin. Als diese sich in die Mitte des Kreises bewegt, schleift sie die Füsse des anderen Menschen mit. Die Last eines ganzen Menschen liegt auf ihr. Sie beugt sich nieder, stützt den Kopf der Person, die ihr anvertraut ist, und versucht sie, so sanft wie möglich, ohne sie zu schrecken und zu wecken, auf den Boden zu legen.  Es geht mir durch den Kopf, wie wir, nach langer Heimfahrt, versuchten, die bereits grossen, schlafenden Kinder aus dem Auto zu heben und hoch ins Zimmer in ihr Bett zu tragen. Ein Moment i...

Betet, freie Menschen, betet!

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Bettag 2023. In der letzten Woche hat der Klimawandel ein weiteres Schreckensgesicht gezeigt: In Libyen (Derna) werden ganze Quartiere ins Meer gespült. Über 10'000 Menschen werden noch vermisst. Nun drohen Seuchen. Hilfe kommt wegen des Bürgerkriegs kaum an. Die Medien sprechen von einer ,Tragödie biblischen Ausmasses'. Ein Bericht zu den Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche der Schweiz weist seit den 50-er Jahren über 1000 Fälle auf und schockiert einmal mehr. Ob die Verantwortlichen in der Lage sind, nicht nur das Einzelversagen, sondern auch die strukturellen Gründe, die sie ermöglichten, anzugehen? In Marokko verwüstet ein Erdbeben unzählige Dörfer. Die Eidgenossenschaft feiert 175 Jahre Bundeversfassung. Der Krieg in der Ukraine wütet seit 570 Tagen. In Lampedusa landen über 7000 Flüchtlinge. Jemand sagt: Manchmal ist die Welt furchtbar. - Der eidgenössische Dank-, Buss- und Bettag wurde von der Tagsatzung noch vor der ersten Bundesverfassung im Jahr 1832 der Bev...

ich wäre gerne auch weise

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Heute in den Nachrichten: Der UNO-Hochkommissar Volker Türk warnt in der Eröffnung der Herbstsession des Menschenrechtsrates in Genf vor einer ,Zukunft, die wir uns nicht wünschen'.  Und fasst sie so zusammen: ,Die Faust ist zurück'. Wenn die Illusionen zerstäuben wie Seifenblasen und die Realität durch alle Wände von Gedanken und Gefühlen drückt, schlägt die Stunde der Weisheit. Jedenfalls ist das mein Eindruck, nachdem ich mich im Zusammenhang von Erwachsenenbildung und Gottesdienstvorbereitung letzthin einige Zeit damit beschäftigen durfte.  In der Bibel werden nicht wenige Seiten unter Weisheit zusammengefasst (Sprüche, Hiob, Kohelet; Jospeh-Geschichte, einige Psalmen, Texte in den Briefen des Neuen Testaments...) . Im kirchlichen Leben und meinem Beruf nehmen sie dagegen wenig Raum ein. Vielleicht, weil sie so erstaunlich rational und unreligiös sind? Dabei enthält ihre Lebenskunst gerade für Zeiten, die auf das Gemüt schlagen und sich manche fromme Wünsche zerschlagen, e...

geistige Fernbeziehung

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Die Müdigkeit Manchmal bin ich so müde, dass ich im Stehen, mit offenen Augen, einschlafe. Sobald ich sie schliesse, werde ich wach. Immer wieder das Erstaunen, wie sehr Menschen, die sie gar nicht persönlich kennen, Jugendlichen zu Freundinnen und Freunden werden können. Sie leben mir ihren Stars und Idolen, als bewohnten diese das WG-Zimmer gleich daneben. Mit deren Hits und Abstürzen fahren sie in ihrer Gefühlswelt Achterbahn, während sie gerade auf den Bus zur Schule warten. Erstaunliche Nähe. Bei mir selbst fallen mir solche ,geistigen Freundschaften' meist erst dann auf, wenn mir Todesnachrichten einen kleinen Stich ins Herz versetzen. Ich wundere mich über den Schmerz - und erinnere mich dann daran, dass mir dieser Mensch mal von Ferne ganz nah gekommen ist, manchmal durch eine Äusserung, Haltung, einen Film, einen Song, eine Ausstellung, oft durch ein Buch. So geschehen vor einem Monat. Die Nachrichten meldeten den Tod von David Albahari (1948- 2023). Von einem Brocki hatte...

das echte Schneewittchen

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Im Hochsommer kommt eine junge Frau an die Tore von Disneyland Paris. Sie trägt ein tailliertes Kleid mit einem Rock aus goldgelber Seide, einem nachtblauen Mieder, gestreiften Puffärmeln und einem apfelroten Umhang, darüber eine Art Halskrause und schwarze, mit einer Schleife zusammengebundene Locken. Die Leute halten sie für das Schneewittchen und bitten sie, Autogramme zu geben und für Fotos zu posieren. Doch nicht lange. Ein Sicherheitsbeamter stürmt herbei und zieht die Schneewittchen-Darstellerin zur Seite. ,Es ist nicht möglich, in dieser Kleidung hereinzukommen', sagt er. ,Wirklich?' sagt sie. ,Sie müssen sich umziehen und etwas anderes anziehen.' Das Schneewittchen ist zurückhaltend, aber gibt nicht so leicht auf. ,Das ist Disneyland, oder?' Dem Wachmann fällt es schwer, genau zu sagen, gegen welche Bestimmung des Vergnügungsparkordnung die Frau verstösst. Er handelt offensichtlich auf Anweisung seiner Vorgesetzten. ,Wir sind besorgt, dass Sie etwas Schlimmes t...