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Wohlpräpariert

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Lange her seit dem letzten Eintrag. Hat mein Kopf genug sonst zu tun? Oder ist er mit dem Durcheinander, das die Welt überzieht, zu überfordert, um sich noch eine Reim darauf zu machen? Ich will mich nicht an die Kriege gewöhnen, die bereits seit Jahren wüten (zB Ukraine, nun 4 Jahre). Für neue finde ich kaum Platz (Iran, nun 1 Woche).  Die Durcheinanderbringer (gr. diabolos, von diaballo - durcheinander werfen) werfen mehr durcheinander als meine Prozessor verarbeiten kann. Ohnmacht, Müdigkeit und Frustration setzen nicht klare Gedanken frei. Sie rauben Atem und Sprache. Die Einsichten müssen sich mit kleineren Welten begnügen. Lebt die Hoffnung noch, dass sich die Rauchschwaden über der grossen Welt mal (einigermassen) verziehen? Ich weiss nicht, ob es das Geschäft im Obergeschoss in der Rue du Bac in Paris noch gibt. Der Bericht darüber stammt noch aus den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts. Der Laden ist auf das Präparien von Tieren spezialisiert. Der Autor berichtet, wie er ...

Schreck lass nicht nach!

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Es läuft immer gleich. Wie bei den Oscars. Auf BBC werden die Baftas verliehen (British Actors Film and TV Awards). Der Saal ist riesig und bis auf den letzten Platz besetzt. Die Teilnehmenden haben sich exklusiv herausgeputzt. Die Kategorie ,supporting actors' wird angekündigt. Die Nominierten in Filmausschnitten vorgestellt.  ,And the winner is ...: Ariyon Bakare!' Schnitt. Die Kamera zeigt den Gewinner. Bevor er sich die Hände vors Gesicht schlägt, sieht man gerade noch, wie dieses verrutscht. Weit aufgerissene Augen, offener Mund und starre Züge, als wäre er unvermittelt auf eine schreckliche Szene gestossen. Es dauert eine Weile, bis er die Hände wieder vom Gesicht nimmt, aufsteht und seiner Nachbarin um den Hals fällt. Seine Augen sind nass. Erst langsam beginnt sein Gesicht zu strahlen.  In einer Gruppe haben wir letzte Woche die Geschichte vom wunderbaren Fischzug und der Berufung des Petrus nach dem Lukasevangelium gelesen (Lukas 5, 1-16). Auf Geheiss von Jesus fahren...

Bleiben oder gehen?

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Marci Shore und Timothy Snyder sind gegangen. Beide lehrten als Historiker des 20. Jahrunderts an der Yale University in New Haven / USA. Sie sind bekannt als Fachleute für den Totalitarismus des 20. Jahrhunderts in Osteuropa. Beim Ukrainekrieg geht ihnen ein ganzes Jahrhundert auf.  Bereits in der ersten Amtszeit von Donald Trump schrieb Snyder eine vielbeachtete Warnung: ,Über Tyrannei - 20 Lektionen für den Widerstand'. Das zerlesene Büchlein steht in meinem Regal. Vorgestern jährte sich der Todestag von Dietrich Bonhoeffer zum 80. Mal. Als er 1939 ins Visier der Gestapo geriet, bedrängten ihn Freunde, sich in die USA abzusetzen. Er tat es widerwillig - und kehrte schon nach wenigen Wochen zurück. Er habe kein Recht, am Wiederaufbau Deutschlands mitzuwirken, meinte er, wenn er die Not der Menschen in Deutschland nicht mittrage.   In der ZEIT (14/25) schreibt Maci Shore, sie habe schon 2015 geahnt, dass das Auftauchen des lügenden Immobilienspekulanten aus New York in...

zu gut

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,Entschuldigung', sagt die junge Frau an der Theke der Bäckerei, als sie mir den Cappucino reicht, ,ich habe es wieder mal zu gut gemeint!'  Sie reicht mir den Becher in Zeitlupe, darauf bedacht, dass der Milchschaum nicht überläuft.  ,Kein Problem,' sage ich, als ich den Becher langsam mit der Konzentration eines Mikadospielers entgegen nehme. Ich bin schon auf dem Weg zur Tür, als ich noch anhänge: ,Zu gut meinen kann nie ein Problem sein.' Doch ich weiss nicht, ob sie das noch mitkriegt. Mir aber geht der Gedanke nach, dass man sich dafür entschuldigen kann, es zu gut zu meinen. Die Frühlingssonne, die mich vor der Bäckerei erwartet, müsste das irgendwie auch tun. Und ich träume einen Moment von einer Welt, in der Menschen es so gut miteinander meinen, dass sie sich nur noch dafür entschuldigen müssen. Das wär ein Frühling. Philipp Roth      philipp.roth@kgbb.ch  

Bauernkrieg

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Der Bauernkrieg vor genau 500 Jahren nahm am Rhein seinen Anfang. Und zog von da nur für einen Sommer nach Norden über die deutschen Lande. In diesen rund 3 Monaten starben nach Schätzungen rund 70'000 - 100'000 Menschen, zuallermeist einfache Leute. Am Ende war es mehr Rachefeldzug als Kampf auf Augenhöhe. Die Herren zeigten den Untertanen den Meister - den ,Meister aus Deutschland' (Paul Celan). Waldshut wurde zu einem der ersten Zentren des Bauernaufstands. Im kleinen Städchen am Rhein befeuerte Balthasar Hubmeier die Bauernhaufen mit einem evangelischen Feuer, das Luthers 'Freiheit eines Christenmenschen' politischer nahm, als dem auf Fürstenschutz angewiesenen Augustinermönch lieb war. Die Nähe Zürichs liess Funken aus der dortigen Reformation überspringen. Man weigerte sich, den Zehnten und Zölle zu zahlen und Frondienst zu leisten. Bilder wurden gestürmt. Viele liessen sich zum Zeichen einer echten Umkehr nochmals taufen. Die Unterscheidungen, die spätere Ges...

Sacred Place

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Der Streit zwischen Präsident Trump, Vize Vance und dem ukrainischen Präsidenten Selenski im Oval Office bestimmt die Nachrichten. Während normalerweise die Presse nur zur Begrüssung zugelassen ist und das Verhandeln hinter verschlossenen Türen stattfindet, sollte es diesmal ,The Art of the Deal' vor laufenden Kameras geben. Der als Showmaster bekannt gewordene Präsident versprach sich ,Great TV'.   ,Great' im Sinn von Einschaltquoten war die Szene gewiss. Auch im Sinn von Spektakel und Nachhaltigkeit: Man wird noch lange davon reden.  In jedem anderen Sinn jedoch war es ein weiterer Tiefpunkt dieser Administration. Wenn es in einer Demokratie Tempel gibt, hat Team MAGA nun bereits den zweiten heiligen Ort der USA entweiht: Nach dem Kapitol am 6.1.2021 nun auch das Oval Office. Da hilft alles Beschwören des Sacred Places und die Empörung über den fehlenden Anzug und die ungenügende Dankbarkeit beim Gast nichts: Heiligkeit hängt nicht an Äusserlichkeiten wie Textilien und Fl...

Lob und Widerstand

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Die Bilder kommen einem vertraut vor*. Nur sind sie heute in Farbe. Die Grossmächte teilen sich die Welt auf. Die Machtzyniker - alles Männer - sitzen am Tisch, drücken die Brust raus und setzen ihr Pokerface auf - und gehen dann unter verschlossenen Türen ans Eingemachte anderer Länder. Damals Polen. Heute Ukraine. Oder noch mehr? Eine aktuelle Umfrage zeigt, dass die Zunkunftssorgen gross sind, je jünger desto grösser. Gleichzeitig ist jedoch auch die Lebenszufriedenheit gross. Über 90% sind mit dem gegenwärtigenm Leben zufrieden bis sehr zufrieden. (Auch hier sind die Werte bei den Jüngeren etwas tiefer). Die Experten rätseln, wie die beiden Werte zusammenpassen. Schuld frisst die Vergangenheit auf. Sorgen die Zukunft. Also igelt man sich in der Gegenwart ein und geniesst noch was und solange man hat. Wer ohnehin nicht mehr viel Zukunft hat, da alt, kann die Sorgen besser von sich weisen - was in einer alternden Gesellschaft auch manch demokratische Entscheidung erklärt. Als im Jah...

Menschenwärme

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Januar 1982. Hugh Herr und Jeff Batzer, noch keine zwanzig Jahre alt, sind leidenschaftliche Kletterer. Sie gehen in die White Mountains von New Hampshire zum Eisklettern. Nach der Huntington Schlucht wollen sie zum Dessert auch noch den Mount Washington, mit 1917 m der höchste Berg der Gegend, besteigen. Sie passieren die Eisschlucht und sind bereits auf dem Weg zum Berg, als Winde von 150 km/h ein Weiterkommen verunmöglichen. Der Sturm macht sie fast blind und die Verständigung unmöglich. Sie kehren um und verlieren den Weg. Mehrmals brechen sie durchs Eis ins eiskalte Wasser durch. In einem Seitental verbringen sie drei Nächte in extremer Kälte. Sie rechnen damit, bereits die erste nicht zu überleben. Doch sie rechnen nicht mit dem Glück, nicht allein zu sein. ,Man kann einander umarmen,' sagt Hugh Herr. ,Als Doppelkörper reduzierst du die frierende Oberfläche dramatisch, verdoppelst aber gleichzeitig die Quelle, wo die Wärme herkommt.'  Am vierten Tag taucht ein...

Gutmensch

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Herzerwärmend: Petrarca starb 1374. Die Leidenschaft für Bücher und die Sorge um Florenz und seine Menschen hatte sie wie Brüder werden lassen. In seinem Testament hinterliess Petrarca Bocaccio 'fünfzig Florentinische Goldgulden für einen Wintermantel, den er tragen kann, während er in den Nachtstunden studiert und arbeitet.' Fast nostalgisch erinnert man sich an die Zeit, in der das Wort 'Gutmensch' noch das politische Modeschimpfwort war. Gegenüber den schönträumenden und menschenumarmenden Netten wurde der pragmatische Macher (selten Macherin..) in Stellung gebracht. Lieber der Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach. Lieber ,etwas' Gutes erreicht als ,das Gute' gewollt. Es hatte etwas von Zwinglis 'Tut um Gottes Willen etwas Tapferes' - wobei man verschämt kaschierte, dass es sich bereits bei Zwingli um einen Ruf zu Krieg und Gewalt handelte. Nun ist der Schleier weg und die Bühne gehört den 'Bösmenschen'. Die herkömmlichen Umgangsformen...

gerade sehen

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Die Geschichte geht mir nach. Eine Gemeinschaft schafft sich ein Versammlungshaus. Und das Versammlungshaus schafft die Gemeinschaft. Wer bin ich unter den anderen? Was teile ich? Was trennt mich? (gr. synagoge bedeutet einfach Versammlungsort) Man versammelt sich. Es ist Sabbat. Im Hintergrund eine Frau, seit Jahren gekrümmt. Vielleicht wär sie heute im Rollstuhl. Vom eigenen Gewicht entlastet, könnte sie geraden Hauptes dabei sein und frei sehen. Wer aber ist sie in dieser Gemeinschaft? Wie wird sie gsehen - und wie hat sie sich in der langen Zeit in diesem Umfald selbst sehen gelernt? Als die Gekrümmte? Die Schiefe? Das Kollektiv schärft die Differenz und neigt dazu, die Differenz zur Etikette zu machen (die Rothaarige, der Schweigsame, die Katzenfrau, der Schwule) - oft so lange (18 Jahre), bis die Differenz zum Wesenmerkmal der Person geworden ist, obwohl es nur was Äusserliches oder Nebensächliches ist. Jesus holt sie in die Mitti und sagt, er möchte ihre Fesseln lösen. Er berühr...

felsenfest

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Immer wieder ausgreifen. Das Glück und den Trost nicht in sich selbst suchen. Und nicht im Tun der Menschen. Im Buch der Natur lesen und sich selbst als Buchzeichen hineinlegen und befrieden lassen wie ein Herbstblatt, das zwischen den Seiten getrocknet und geglättet wird. Schöpfungstheologie praktisch. Als nach 9/11 in den USA mit den Flügen auch alle öffentlichen Gebäude und Pärke geschlossen wurden, meldete Secretary of Interior Gale Norton, das auf den Veterans Day alle Nationalparks geöffnet würden ,um den Amerikanern in den Nationalparks die Möglichkeit zu geben, Trost und Inspiration zu finden. (...) Tragödien wie diese machen Heilung notwendig, damit wir uns erholen und wieder aufrichten können. Wo könnte dieser Prozess besser beginnen als in unseren Parks, wo die Amerikaner Kraft (...) aus den herrlichen Natur schöpfen können.'  Und wenn die Geologin Marcia Bjornerud mit Blick auf den Nationalpark Grand Canyon, in dem man durch die Felsschichten tief in die Vergangenheit s...

auszittern

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André Heller ist ein Hansdampf in vielen Gassen. Als Francis Charles Georges Jean André Heller-Hueart wurde er 1947 in Paris geboren, wohin seine Eltern im Krieg als Juden aus Wien geflohen waren. Als Schauspieler, Chansonnier, Veranstalter und Kulturveranstalter hat er seit den 80-er Jahren zahlreiche international beachtete Kunstaktionen und Festivals organisiert. Aktuell kuratiert er in der Elbphilharmonie Hamburg eine ,Woche des Staunens' mit Künstlerinnen und Künstlern aus der ganzen Welt. Selbst Jude, griff er bereits vor 40 Jahren, im Libanonkrieg mit den Massakern in den palästinensischen  Flüchtlingslagern, die israelische Politik scharf an. Und musste sich deswegen 'Beihilfe zum Antisemitismus' vorwerfen lassen. Damals schrieb er: Die jahrtausendelange jüdische Leidensgeschichte wird von ihren eigenen Opfern verhöhnt, wenn diese daraus irgend etwas anderes lernen als Erbarmen, Toleranz, Menschenwürde und die Fähigkeit, beharrlich zu lieben. Dafür lohnt es zu...

Kindernichtwunsch

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Ob wir Kinder haben wollten, war für uns keine Frage. Die Frage war höchstens, ob wir Kinder kriegen könnten, und ob wir in der Lage sein würden, gut für sie zu sorgen. Diese Selbstverständlichkeit hat damit zu tun, dass wir selber aus kinderreichen Familien stammten. Aber wohl nicht nur.  Wir haben es auch nie bedauert, dass sich uns diese Frage - Wollen wir Kinder? - nicht gestellt hat. Wir hatten das Glück, dass der Gedanke, dass es auch schlecht sein könnte, Kinder zu haben, gar nie aufkommen musste. Das ist heute bei vielen anders.  Das sagt etwas über die Welt aus, in der wir leben und in die unsere Kinder geboren werden. Die Zukunftsaussichten sind trüb wie schon lange nicht mehr. Zum Nachdenken über Kinder gehört nun auch der Gedanke, ob man in diese Welt ein Kind setzen kann. Die Entscheidung dagegen trägt nun auch das moralische Kleid eines besonderen Verantwortungsbewusstseins. Ebensoviel, so denke ich, sagt diese neue Aktualität der Kinderfrage aber auch etwas über...

bitte nicht stören

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Vor einer guten Woche hielt ich meine erste Radiopredigt. Ich wollte etwas über die Erschütterung sagen, die mich ergreift, wenn Schreckliches geschieht. Manche Nachrichten donnern in die eigene Beschaulichkeit wie ein Güterzug ins Cabrio auf dem offenen Bahnübergang. Und ich wollte etwas dazu sagen, wie gut es ist, dann einen Ort zu haben, wo man ,nach oben ausfliessen kann'.  In diesem Zusammenhang war mir oft das Bild des Malers Caspar David Friedrich 'Der Wanderer über dem Nebemeer' vor Augen. Jemand stützt sich auf einer Felsspitze auf seinen Stock und betrachtet das tosende Wetter weit unten, als stehe er darüber und es beträfe ihn nicht. Doch wer es betrachtet, weiss: Er kommt daher und wird wieder dahin zurück gehen müssen. Einen Hochsitz über den Dingen gibt es nicht, lediglich flüchtige Inseln. Der Maler feiert in diesem Jahr seinen 250. Geburtstag. In einer aktuellen Biografie stiess ich dabei auf folgende Notiz: Friedrich war ein geselliger Mensch. In seinem Hau...

wortreich

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Die US-Autorin Joyce Carol Oates (*1938) schrieb bis heute 63 Romane, 47 Bände Erzählungen und zahllose Theaterstücke, Kinderbücher, Gedichte und Librettos. 1973 begann sie ein Tagebuch, das in 26 Jahren auf über 4000 Seiten anwuchs bis es vom E-Mail-Zeitalter abgelöst wurde.  Sie war bereits 18 Jahre alt, als sie noch eine Schwester kriegte. Sie hat am gleichen Tag Geburtstag und waren sich zum Verwechseln ähnlich. Joyce Carol suchte den Namen aus: Lynn Ann. Sie kam, als Joyce Carol gerade ins College auszog und sei zuhause sowas wie ihre ,Neubesetzung' gewesen. ,Ein Spiegelbild, einfach leicht verdreht,' schreibt sie. ,Eine Zwillingsschwester, 18 Jahre auseinander.' Doch im Gegensatz zur unermüdlich sprudelnden schwesterlichen Wortquelle, lernte Lynn Ann nie, einen einzigen ganzen Satz zu sagen. Joyce Carol erinnert sich nur an spitze Schreie, grunzende Laute und wie sie mit den Zähnen Buchseiten zerriss. Bald wurde bei ihr schwerer Autismus diagnostiziert. Der Vater sagt...

Traumweihnacht

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In der Nacht geträumt: ,In diese Welt kann man unmöglich noch ein Kind setzen.' Bei Erwachen vernommen: ,For us a child is born.'   Verrückter Gott. Kann vom Unmöglichen nicht lassen.   Paradoxe Intervention Weihnacht.  Welt, reib dir die Augen!   Philipp Roth    philipp.roth@kgbb.ch philipp.roth@erk-bs.ch

letzte Hütte

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Gestern war Ewigkeitssonntag. In der Kirche sitzen die Toten nochmals unter den Lebenden. Im Licht der eigenen Vergänglichkeit eine Zumutung. Im Licht der Ewigkeit ganz tröstlich. Vorne brennt ein Meer von Lichtern. Das ewige Licht leuchte ihnen. Meine Leibzeitschrift bringt eine Reportage über einen schwedischen Architekten. Es geht ihr um dessen Kreativität. Doch darin verpackt steckt eine Geschichte zum Ewigkeitssonntag. Sie berührt mich. Das letzte Haus seines Vaters war das erste des jungen Architekten. Er heisst Hedström. Hedströms Vater Bo hatte zeitlebens Pläne geschmiedet, Häuser und Hütten gezeichnet und wieder verworfen, um am nächsten Morgen mit neuen Ideen zu kommen. Selten war was daraus geworden.  Als Hedström eines Tages zuhause anruft, erfährt er, dass es schlimm steht um seinen Vater. Untersuchungen zeigen Krebs in Kopf, Lunge und Magen. Die Ärzte geben ihm noch drei Monate. In seiner ersten Nacht im Spital macht Bo wieder Pläne. Er zeichnet ein neues Haus. ...